Schul-Autonomie – das neue Normal

Umsetzung von Schulautonomie setzt voraus, dass die Mehrzahl der Bevölkerung fähig ist, verantwortungsvoll mit Freiräumen umzugehen.

Artikel aus dem Buch „Die Mündige Schule“

(Herausgegeben von Matthias Strolz und Michael Unger)

Spricht man in Österreich über die Idee, dass sowohl öffentliche als auch private Schulen in personeller, finanzieller und pädagogischer Hinsicht die Freiheit der Wahl haben sollen, löst dies entweder Begeisterung aus oder Skepsis – meist beides.

Sind wir – hier in Österreich – überhaupt schon fähig, mit Schulautonomie auf eine Weise umzugehen, dass sie uns insgesamt nutzt?
In diesem Artikel soll der Frage nachgegangen werden, welche Elemente es zu entwickeln und zu pflegen gilt, um die „Dreifache Schulautonomie“ zu verwirklichen.

Verwirklichung von Schulautonomie bedeutet nämlich gleichzeitig einen Paradigmenwechsel im Bildungssystem, – weg von der Gewohnheit, Bildungsinhalte in Schüler „hineinzudrücken“ – statt dessen hin zum Erzeugen eines „Lernfeldes“, in welchem Lernwille und Wissensdurst entstehen können. Nur in dem es das Wissen aktiv „eingesogen“ wird, kann es verankert, kombiniert und anwendbar werden.
Die Konzentration muss daher auf der Entwicklung eines „lernfreundlichen“ Klimas liegen, und dieses zu erzeugen ist die große Kunst des Lehrers.

Die Kunst des Umganges mit der Freiheit

Geht man noch einen Schritt tiefer ins Grundsätzliche, so ist die erste und wichtigste Vorbedingung für die Verwirklichung von Schulautonomie jedoch das Erlernen des Umgehens mit Freiheit.
Denn letztlich kann nur eine Schule, in der Leitung und Lehrkörper versiert im Umgang mit Freiräumen und in der Übernahme von Verantwortung sind, den Schülern diese Fähigkeit auch beibringen.
Es geht um das Erlernen dieser, jedem Menschen von Geburt an gegebenen Fähigkeit des freien Willens und der freien Entscheidung, die es ihm einerseits ermöglicht, sich selbst zu lenken, und ihm anderseits auch die Verantwortung für sein eigenes Handeln und sein eigenes Leben zuweist. Mit dieser Freiheit muss der Mensch erst umgehen lernen, und dies ist möglicherweise der Sinn des Lebens schlechthin: Das Lernen des Umganges mit der eigenen Freiheit.

Schuldzuweisungen sind – genauso wie die Illusion der Ohnmacht – nur Hindernisse auf diesem Weg, sein eigenes Leben selbst zu gestalten. Diese Erkenntnis inkludiert eine große Bandbreite an Erfahrungen die der Mensch im Laufe seines Lebens machen muss, sowie an Fähigkeiten, die es zu erlernen- , und an Wissen, das es zu sammeln gilt.
Auch die Gesellschaft verhält sich wie ein lernendes Wesen und lernt dazu: Wir finden heute Entwicklungen und Methoden wie die Open Space Technology, systemische Arbeit, neue Organisations- Lebens- und Konfliktlösungsformen, die sich in den vorhandenen Freiräumen der Gesellschaft entwickelt haben – diese sind erste Anzeichen und Vorboten des langsamen Entstehens einer neuen Kultur des menschlichen Umganges miteinander, somit auch einer neuen Bildungskultur, auf die wir zustreben. In ihr ist das Erlernen des Umganges mit Freiheit das zentrale Element, und daher ist Schulautonomie die zukunftsweisende Form der Struktur der neuen Kultur Bildungsbereich.

Beim Erlernen vom Umgang mit Freiheit geht es vornehmlich um die Bereitschaft und das Entstehen der Fähigkeit, Selbstverantwortung für das eigene Handeln, für das eigene Leben zu übernehmen – die klaren Gesetzmäßigkeiten von Ursache und Wirkung zu verstehen und einsetzen zu lernen.

Es geht auch um die Bereitschaft, selbst Strukturen zu schaffen: für sich selbst und für jene, für die man Verantwortung übernommen hat. Und es geht darum, in ständiger Lernbereitschaft aus allen möglichen Fehlern den Nutzen der Weiterentwicklung zu ziehen, diese Strukturen anzupassen und umzuformen, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen, für die dann wiederum die Verantwortung übernommen wird.

Ausgehen von der heutigen Situation könnte man jedoch fragen: Warum sind „Freiheit“ und „Selbstverantwortung“ so wichtig im Bildungsbereich? Es ging ja auch lange Zeit anders. Konditionierung und „Dressur“ lässt sich leicht in einer kontrollierten Umgebung und durch Druck erreichen, dazu sind prinzipiell weder Freiheit noch Selbstverantwortung nötig.

Entspricht dies aber den Grundbedürfnissen der menschlichen Natur? Und wenn nein, woraus bestehen diese Grundbedürfnisse?
Um hier weiter argumentieren zu können, sehen wir uns den Grund an, warum ein Mensch lernt.

Die Anatomie des Lernens

Lernen ist ein Entwicklungsprozess, der sich in drei Schritte unterteilen lässt:

1.) Erkennen eines Ausgangszustandes
2.) Erkennen eines Zieles
3.) Anwenden eines Mittels um vom Ausgangszustand zum Ziel zu gelangen

Lernen geschieht immer aufgrund von Beziehung, und diese entsteht aus der ersten Trennung, der Geburt: Vom Zeitpunkt der Geburt an lebt der Mensch in der Notwendigkeit, den Anderen als von sich selbst getrenntes Wesen zu erkennen und mit ihm in Beziehung zu treten um zu überleben. Er muss dazu wachsen und verschiedene Ziele erreichen – und nur in einem solchen Netz aus Beziehungen – und nur wenn diese als verlässlich und lohnend erlebt werden – lernt er dazu.

Besteht hingegen ein Mangel an Beziehungsfähigkeit, in anderen Worten: werden Beziehungen als unverlässlich und leidbringend erlebt, so wird die Fähigkeit zu lernen vermindert sein, bis hin zur Verweigerung, zur Isolation, zur Resignation, einem „sich von anderen treiben lassen“, bis zur sogenannten „Bildungsresistenz“.
Gehen wir einen Schritt weiter indem wir fragen: Was liegt einer guten Beziehung zugrunde?
Lohnende, verlässliche Beziehungen
Wenn ein Mensch den andern als im Innersten ebenbürtig betrachtet, wird die Beziehung von natürlichem Respekt getragen und lohnend sein, blickt ein Mensch jedoch auf den anderen herab, ist das Entstehen von Problemen unvermeidlich.

Die beiden Sichtweisen lassen sich als zwei Extrempositionen beschreiben (von denen es natürlich auch Mischformen gibt):

a.) Der Mitmensch als im Innersten ebenbürtig betrachtet:

Der Einzelne verantwortet sein eigenes Handeln zu jederzeit selbst, da er weiß, dass jene Haltung, mit der er anderen entgegentritt, den Ton und das Klima bestimmt, mit dem andere ihm wiederum begegnen werden. Er ist sich dieser Verantwortung bewusst und behandelt andere so, wie er selbst behandelt werden möchte.

Menschen werden verstanden als im innersten Kern gleichwertig: Jeder ist im Innersten überaus wertvoll, ausgestattet mit der Fähigkeit der schöpferischen Kraft und der freien Wahl, sowie mit der Fähigkeit, sich selbst zu formen. Ausgehend von diesem immer gleichbleibenden, sich selbst lenkenden Kern geht man davon aus, dass sich die Persönlichkeit – entsprechend jeder von ihr selbst getätigten Wahl oder Handlung – stets lernend verändern und weiter entwickeln kann. Jedem wird sein eigenes, persönliches Hoheitsgebiet zugestanden, in dem er auf seinem eigenen Entwicklungsweg gehen- und dabei glauben und denken darf, was immer er möchte.

Der Einzelne entwickelt all seine Fähigkeiten in spielerischer Konkurrenz mit Anderen. Diese spielerische Konkurrenz zielt niemals auf die Vernichtung des anderen, sondern auf die Verbesserung des eigenen Könnens. Der Fokus liegt hier letztlich auf der Entwicklung der eigenen Nützlichkeit für andere – und auf der Kombination eigener Fähigkeiten mit den Fähigkeiten anderer. Daraus schafft er sich eine Umgebung des Wohlwollens, der Dankbarkeit und der Sicherheit. Selbstrespekt und Respekt vor dem anderen halten einander die Waage.

b.) Der Mitmensch als minderwertig betrachtet:

Der Einzelne kann hier für sich alle Rechte beanspruchen die er durchzusetzen vermag, und wird von sich aus keine Verantwortung übernehmen für die Auswirkung seines Tuns auf Andere, wenn diese Auswirkung negativ ist. Um sich selbst zu schützen, wird es als normal oder unvermeidlich angesehen, anderen Schaden zuzumuten. Angst wird hier als ein gängiges Mittel der Durchsetzung eigener Interessen gesehen, und wird oft als Instrument benutzt, um andere Menschen in Kontrolle zu halten, sowie um Entwicklungen zu leiten oder zu kontrollieren.

Menschen werden verstanden als im innersten Kern unterschiedlich. Es wird angenommen, dass sich die jeweilige Persönlichkeit immer entsprechend dieser innersten Natur entwickelt, und hier gibt es eben „gute“ oder „böse“ Menschen, die aus sich heraus nicht selbst fähig sind, sich zu verändern. Hier wird angenommen, dass ein „schlechter Mensch“ nur von außen durch Autoritäten oder durch Strafe positiv beeinflusst werden kann.

Es wird für möglich und natürlich erachtet, dass für sich selbst Gewinn erwirkt werden kann, während zugleich Andere dadurch zu Schaden kommen. Langfristige Folgen des eigenen Tuns werden hier nicht in Betracht gezogen, vielmehr wird der Versuch unternommen, sich gegen diesen Schaden selbst abzusichern – nicht aber diesen Schaden für andere zu vermeiden.

Weitere Voraussetzungen: Lernende Lehrer, Lernfeld und Lernfluss

a.) Lehrer sind alle jene Personen, die sich der Unterstützung der Entwicklung Anderer widmen, indem sie mit diesen in förderliche Beziehung treten, ein Lernfeld erzeugen oder aufrechterhalten und tragen. Lehrer sind selbst stets lernende, und sind auf diese Weise ein Vorbild.

b.) Das Lernfeld ist eine gesicherte Umgebung, das dazu da ist, in ihm Fehler zu machen um daraus zu lernen, es ist ein geschützter Raum, innerhalb dem ein Lernprozess stattfinden kann. In ihm befinden sich alle hierzu benötigten Mittel, Utensilien und Werkzeuge, insbesondere auch ausreichend Freiraum.

c.) Der Lernfluss ist jenes Gefälle zwischen Wissensdurst und Bildungsangebot das notwendig ist, um das erlernte Wissen und Können nachhaltig zu verarbeiten und zu verankern.
Wird im Lernprozess die positive Beziehung zu den umgebenden Menschen beibehalten, entwickelt und gepflegt, dann entsteht Kultur.

Lernen in Beziehung bedeutet Entstehen von Kultur

Wenn sich alle hier erwähnten Elemente miteinander verbinden, so bestehen die besten Voraussetzungen für Entwicklung von Kultur.

Kultur entsteht überall dort, wo Individuen durch ein Netz von Beziehungen achtsam miteinander verbunden-, und dabei bereit sind, einander zuliebe auf das unmittelbare Ausleben selbstbezogener Triebe verzichten, stattdessen das Wohl jedes Einzelnen und des Ganzen im Sinne haben. Die dabei entstehenden Strukturen werden als „kulturelle Leistungen“ bezeichnet. Diese bilden die Grundlage für das Entstehen von Kultur – auch im Sinne verschiedener „Kulturen“ der Weltgeschichte.

Die „Dreifache Schulautonomie“ kann also einen entscheidenden Beitrag zum Entstehen einer zukünftigen neuen, sozial und technisch hochstehenden Kultur leisten.
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Die Worte „Schüler“ und „Lehrer“ werden in diesem Artikel als Rollenbezeichnungen verwendet, damit sind Schüler und Schülerinnen, sowie Lehrer und Lehrerinnen gemeint.

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